Montag, 29. April 2013

NOMADIC FURNITURE 3.0 - Neues befreites Wohnen

12. Juni – 6. Oktober 2013
MAK-Ausstellungshalle, Weiskirchnerstraße 3, 1010 Wien


Die Kultur des Selbermachens ist nahezu allgegenwärtig: Ob Mode, Möbel, Kulinarik oder Kommunikation – es gibt kaum einen Bereich des täglichen Lebens und der materiellen Kultur, der von der „Do-it-yourself“ (DIY)-Revolution nicht erfasst worden wäre. Mit Fokus auf den Bereich des Möbeldesigns untersucht die Ausstellung NOMADIC FURNITURE 3.0. Neues befreites Wohnen diese zwischen Subkultur und Mainstream zu verortende Bewegung erstmals auch im historischen Kontext: Bereits in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts galt der Möbelselbstbau als Lösungsansatz für eine sozial engagierte, seit Ende der 1960er Jahre auch ökologisch nachhaltige Gestaltung.

Die heute sogenannte Prosumer-Kultur, also die kollaborative Verschränkung von Produzent und Konsument, bedeutet nicht nur grundlegende Veränderungen im kreativen Prozess. Die semiprofessionelle Involvierung des Endverbrauchers in das Gestalten und Produzieren impliziert weitreichende gesellschaftliche Problemfelder, wie die Kritik am Massenkonsum und an der drohenden Ressourcenknappheit, die Befreiung von Konsumzwang und Gestaltungsnormen und nicht zuletzt die Demokratisierung und Dezentralisierung der automatisierten Massenproduktion vor dem Hintergrund eines Strebens nach Nachhaltigkeit.

NOMADIC FURNITURE 3.0 bietet einen umfassenden Überblick über die zeitgenössische DIY-Möbelkultur und macht mit zahlreichen historischen Bezügen und Beispielen die Entwicklungsgeschichte der DIY-Bewegung von ersten Ansätzen zu Beginn des 20. Jahrhunderts bis zur Web-2.0-Kultur deutlich. Bis heute bieten die für die Ausstellung titelgebenden Handbücher Nomadic Furniture 1 und 2, verfasst 1973/1974 von dem österreich-amerikanischen Designer Victor Papanek (1923–1998) und James Hennessey (*1945), einem jungen und kreativen Publikum konkrete Anleitungen für den Bau einfacher und billiger Möbel und stellen wertvolle Referenzen für die zeitgenössische DIY-Bewegung dar. Prototypische Klassiker der DIY-Möbelkultur, die sich erstmals in der Zwischen- und Nachkriegszeit herausbildeten, wie der berühmte, von Gerrit Rietveld entworfene Crate Chair (1934), gelten noch heute als wesentliche Inspirationsquellen.

Eine der ersten einschlägigen Schriften im deutschen Sprachraum war die Reihe Wie baue ich mir selbst …? (Verlag Beyer, Leipzig), die ab 1911 Anleitungen zum Selberbauen diverser Objekte, ab 1930 auch für Möbel bot, bis in den 1950er Jahren ein medialer Hype des Selbermachens einsetzte. Europaweit wurde nach Anleitung gehäkelt, gestrickt, gekocht und gebaut; wie man Möbel selber macht, erfuhr man damals am besten in den englischen Heimwerker-Zeitschriften Popular Handicrafts and Craftworker Magazine (Broadstairs, ab 1951), Handyman (London, ab 1954) oder dem seit 1957 publizierten Magazin Do-it-Yourself (London). Gesellschaftskritische und antikapitalistische Werthaltungen spielten beim Gedanken der autonomen Produktion durch die Verbraucher spätestens mit dem Aufkommen der Punk- und Hippiebewegung eine zentrale Rolle. Unter anderem legte der vom amerikanischen Autor Stewart Brand ab 1968 herausgegebene Whole Earth Catalog, der Waren samt Preis auflistete, mit alternativen Denkansätzen zur Gegenkultur und Umweltbewegung ein philosophisches und praxisorientiertes Fundament, auf dem Victor Papanek und James Hennessey oder auch Enzo Maris Autoprogettazione- Projekt – ein weiteres wichtiges DIY-Möbel-Projekt aus den 1970er Jahren – aufbauten.

Neue Kommunikations- und Beteiligungsmöglichkeiten von Internet und Web 2.0 lösten im vergangenen Jahrzehnt einen neuen Hype der DIY-Kultur aus. DIYPortale, -Communities und -Blogs boomen; DesignerInnen, ProgrammiererInnen, MaschinenbauerInnen und UserInnen entwickeln neue internettaugliche Entwurfsund Produktionsmöglichkeiten für die Gestaltung von Möbeln und Einrichtungsgegenständen. Leitgedanken der aktuellen DIY-Bewegung sind eine intensive Beschäftigung mit historischen Vorbildern und Prototypen sowie die Suche nach kostengünstigen und formschönen Möbeln, wie zahlreiche internationale Beispiele in der Ausstellung belegen. So orientiert sich etwa der in Berlin ansässige Architekt Van Bo Le-Mentzel in seinem Hartz IV Möbel-Projekt an Möbelklassikern insbesondere von Gerrit Rietveld.

Arbeiten wie die des Schweizer Duos Kueng Caputo oder des in London ansässigen Designers Martino Gamper bezeugen die Aktualität von Projekten der 1970er Jahre wie Maris Autoprogettazione. Neben zahlreichen Entwürfen, die mit einfachen Werkzeugen aus Holz hergestellt werden können – etwa der MAK-Table der italienischen Gruppe Recession Design –, machen Objekte aus seriellen Halbfertigteilen aus dem Baumarkt einen gewichtigen Teil der jungen flexiblen Wohnkultur aus. Das Spektrum reicht von betont funktionalen Möbeln bis zu den feinteiligen Leuchtobjekten, wie sie die New Yorker Designerin Lindsey Adelman fabriziert. Auch DesignerInnen wie Jerszy Seymour oder Matali Crasset beschäftigen sich immer wieder mit den vielfältigen Möglichkeiten, Möbel zum Selberbauen zu entwickeln.

Neueste Entwicklungen, wie die in Großstädten entstehenden Fab Labs, also offen zugängliche Werkstätten mit High-Tech-Geräten, heben die handwerkliche Selbst-verwirklichung auf eine neue professionelle und wirtschaftliche Ebene. Das jüngste Projekt der holländischen Droog-Designer Design for Download ist auf professionel-le Schnittstellen ausgerichtet: Droog stellt Entwürfe ins Netz und vergibt dafür Pro-duktionslizenzen.

Die raumspezifische Ausstellungsgestaltung von raumlaborberlin entwickelt sich aus Selbstbaustrukturen und berücksichtigt Freiraum für prozessuale Bestandteile, wie etwa eine Werkstatt. Das Designerduo chmara.rosinke (Maciej Chmara und Ania Rosinke), MAK-Designer-in-Residence 2013, ergänzt das Ausstellungsteam und er-arbeitet Kommentare zu historischen und zeitgenössischen Entwürfen.


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