Dienstag, 17. September 2013

Bernd und Hilla Becher - Hochofenwerke

Erstmals bietet sich mit der Ausstellung die Gelegenheit, die vom Künstlerpaar Bernd und Hilla Becher auf vielen Reisen in Deutschland, Belgien, Luxemburg, Frankreich und in den USA höchst umfangreich erarbeiteten Bildreihen unterschiedlicher Hochofenwerke im nahen Vergleich zu betrachten.

Ein Ausstellungsprojekt in Zusammenarbeit mit Hilla Becher in der Photographischen Sammlung/SK Stiftung Kultur, Köln

Laufzeit: 20.9.2013 - 26.1.2014
Eröffnung: Donnerstag, 19.9.2013 um 19 Uhr

Beeindruckend plastisch, fast modelhaft veranschaulichen die Hochofenanlagen mit ihren über Jahrzehnte entwickelten Großapparaturen das vielzitierte Ideal "Form folgt Funktion". Denn die Betreiber jener Anlagen sind weniger von ästhetischen Prinzipien, als vielmehr - die spezifischen Standortbedingungen berücksichtigend - von Überlegungen technischer und wirtschaftlicher Optimierung geleitet, die bis in den Beginn des neuen Jahrtausends reichen. Die von Bernd und Hilla Becher via Großformatkamera betrachteten und studierten Bauten lassen sich in Konstruktion und Funktion genau nachvollziehen. Der Hochofen und der Hochofenkopf wurden oft - sofern die Aufnahmesituation dies zulässt - von drei oder gar vier Seiten ins Bild gesetzt, so dass die Bildsequenz eine Abwicklung des jeweiligen Objekts wiedergibt - frontal, seitlich und perspektivisch gesehen. Eine analytische Sichtweise, die sich absichtsvoll im Naturwissenschaftlichen begründet und immer wieder, übertragen auch auf andere Funktionsbauten im Werk der Bechers, wiederfindet. Ein Hochofenwerk kann damit visuell durchschritten und in weiten Bereichen nachvollzogen werden. Nochmals nahsichtiger werden unterschiedliche, zum Beispiel für die Weiterleitung von Wind und Gas notwendige Röhrenelemente, Konstruktionen und Details abgebildet. Sie beeindrucken durch ihr Volumen und ihre elementaren Formen ebenso wie ihre Materialität und Tonalität. Sie regen unsere Phantasie an, besitzen eine eigene Ästhetik, fast ornamentale Kraft und Dynamik und lassen zugleich weitreichende Ingenieurs- und Handwerkerleistungen erahnen, die die Hochofenwerke über Jahrzehnte immer wieder neu überholen und gestalten.

Erstmals bietet sich nun Gelegenheit, die vom Künstlerpaar auf vielen Reisen in Deutschland, Belgien, Luxemburg, Frankreich und in den USA höchst umfangreich erarbeiteten Bildreihen unterschiedlicher Hochofenwerke im nahen Vergleich zu betrachten. Die Präsentation stellt rund 250 seit den 1960er-Jahren entstandene Schwarzweißaufnahmen von über 45 Hochofenwerken vor; Bildreihen und großformatige Einzelphotographien, die für die Photographische Sammlung/SK Stiftung Kultur unter der Regie von Hilla Becher zusammengestellt bzw. auf Grundlage des originalen Negativarchivs neu abgezogen wurden. Die Bildreihen widmen sich beispielsweise den deutschen Hochofenanlagen in Duisburg-Bruckhausen, Völklingen, Lübeck oder in Eisenhüttenstadt, den französischen Werken in Longwy, Rombas oder Neuves-Maisons, den belgischen in Liège-Seraing, Charleroi und La Louvière, in Luxemburg Terre Rouge und Differdingen sowie in den USA Ensley, Fairfield, Gadsden, Mingo Junction, Aliquippa und Youngstown.

Einige der Hochofenwerke wurden inzwischen abgebrochen, umgenutzt oder sogar zu Industriedenkmalen ernannt, andere produzieren noch. Gemeinsam ist ihnen eine hohe identitätsstiftende Kraft, formen die monumentalen Werksanlagen nicht allein das Landschaftsbild einer Gegend, auch die Geschichte eines Ortes oder des Landes ist damit verbunden. Besonders die von Bernd und Hilla Becher großformatig umgesetzten Landschaftsbilder, die ausladende großflächige Industrieanlagen zeigen, machen dies deutlich. Nicht allein die zum Himmel ragenden gigantischen Bauten und Kamine sind zu erkennen, sondern auch das Umfeld, die Verkehrsanbindung, Brachen und Felder sowie angrenzende Gärten und Wohnbauten. Damit eröffnen sich viele Dimensionen zur Betrachtung.

Die Ausstellung vermittelt ein umfassendes Bild von der fortwährend intensiven Beschäftigung Bechers mit dem Thema der Hochofenwerke. Bereits 1990 konnten sie in ihrem Buch "Hochöfen" in 223 Tafeln ihre typologisch geordneten Ansichten, aufgenommen in zahlreichen internationalen Hochofenwerken, vor Augen führen. Mit dem aktuellen Ausstellungsprojekt bekommt man darüber hinaus Gelegenheit, weitere Bilder aus diesem Kontext kennenzulernen; solche, die parallel oder später entstanden, jene die die Hochofenanlagen erschöpfender noch behandeln und teilweise bislang nur als Negativmaterial vorlagen. Die Betonung liegt also auf einer neu entworfenen oder erweiterten Sequenzierung durch teilweise neu abgezogene Motive. Dabei ist es aber eine Ordnung, die dem Negativmaterial inhärent ist, eine solche also, die bereits mit dem Aufnahmeprozess, mit Bechers grundsätzlicher Perspektive und photographischer Haltung einhergeht. Diese kompositorische Ordnung wurde von Bernd und Hilla Becher gemeinsam geschaffen und nach Bernd Bechers Tod (2007) von seiner Partnerin weiter fortgesetzt.

Die Ausstellung ist das vierte Projekt, das die Photographische Sammlung/SK Stiftung Kultur mit den Arbeiten der Bechers durchführt. Die ersten drei Projekte waren der Darstellung unterschiedlicher Bergwerksanlagen gewidmet, darunter die Zeche Concordia und die Zeche Hannover aus dem Ruhrgebiet. Mit den Hochofenanlagen wird ein anderer wichtiger Motivkreis beleuchtet, der im hauseigenen Sammlungsbestand prominent vertreten ist. Seit zwölf Jahren verbindet die Stiftung mit dem Künstlerpaar eine enge Kooperation, die sich auf das Thema der Dokumentation gesamter Industrieanlagen in ihrem Schaffen richtet ebenso wie auf die systematische Aufarbeitung ihres Archivs, das in über 50 Jahren konsequent photographischer Tätigkeit zu einem enormen und unersetzlichen Fundus angewachsen ist.

Die Photographische Sammlung/SK Stiftung Kultur,
Im Mediapark 7, 50670 Köln,
www.photographie-sk-kultur.de


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