Freitag, 27. September 2013

Lightopia - Ausstellung im Vitra Design Museum, Weil am Rhein

Wie kaum ein anderes Medium hat das elektrische Licht im letzten Jahrhundert unseren Lebensraum revolutioniert. Es veränderte unsere Städte, schuf neue Lebens- und Arbeitsformen und wurde zum Motor des Fortschritts für Industrie, Medizin und Kommunikation. Ausgelöst durch neue Lichttechnologien zeichnet sich in der Welt des künstlichen Lichts heute ein tiefgreifender Wandel ab. Dieser Entwicklung widmet das Vitra Design Museum nun die Ausstellung »Lightopia«. Es ist die erste Ausstellung, die das Thema Lichtdesign umfassend präsentiert – mit Beispielen aus Kunst, Design, Architektur und vielen anderen Disziplinen.

»Lightopia« umfasst etwa 300 Werke, darunter zahlreiche Ikonen aus der bislang noch nie öffentlich gezeigten Leuchtensammlung des Vitra Design Museums, etwa von Wilhelm Wagenfeld, Achille Castiglioni, Gino Sarfatti und Ingo Maurer. Andere Exponate veranschaulichen die performative Kraft des Lichts, etwa der berühmte »Licht-Raum-Modulator« von László Moholy-Nagy (1922 – 1930) oder die spektakuläre Rekonstruktion einer Diskothek von 1968, die ganz aus transluzentem Plexiglas gefertigt ist. Im Zentrum stehen jedoch Entwürfe heutiger Designer und Künstler wie Olafur Eliasson, Troika, Chris Fraser, Front Design, Daan Roosegaarde, Joris Laarman, realities:united und mischer’traxler, die neue Möglichkeiten der Gestaltung mit Licht veranschaulichen. Unter den Exponaten sind zahlreiche interaktive und begehbare Installationen, in denen der Besucher die elementare Kraft des Lichts selbst erleben kann. Aus dem Dialog der ausgestellten Werke entsteht in »Lightopia« ein Panorama des Lichtdesigns – von den Anfängen der Industriegesellschaft bis hin zu Visionen, die unsere Zukunft bestimmen werden.



Mit ihrem interdisziplinären Ansatz zeigt die Ausstellung »Lightopia«, wie das Lichtdesign die Lebensräume der Moderne geprägt hat, untersucht den gegenwärtigen Paradigmenwechsel und stellt ihn in einen größeren kulturgeschichtlichen Zusammenhang. Kuratorin Jolanthe Kugler sagt dazu: »›Lightopia‹ ist die erste Ausstellung, die die Gestaltung von Licht nicht nur in Teilaspekten – wie etwa Lichtkunst oder Leuchtendesign – aufgreift, sondern die verschiedenen Facetten des Lichtdesigns zusammenbringt und mit aktuellen Diskursen verknüpft.«

Die Ausstellung ist in vier Gruppen gegliedert:


1. Living in Lightopia

Sie beginnt mit einer Bestandsaufnahme unseres heutigen Lebensraums, der zutiefst durch Licht geprägt ist. Ganze Gesellschaftsbereiche der westlichen Welt sind heute abhängig von der Ressource Licht – ob für die Übertragung digitaler Daten, für die Beleuchtung von Arbeitsplätzen und Produktionsstätten oder für die Gestaltung öffentlicher Räume. Die negativen Auswirkungen dieser Entwicklung sind Ressourcenverbrauch und Lichtverschmutzung (light pollution), doch hat diese Situation auch unzählige Chancen und Innovationen hervorgebracht. Insbesondere neue Technologien wie LED und OLED ermöglichen neue Gestaltungsfreiräume und machen Licht in nie gekanntem Maße steuerbar und modulierbar. Der erste Ausstellungsbereich umfasst Werke, die der Bedeutung von Licht in unserer heutigen Gesellschaft Ausdruck verleihen – von Joseph Beuys‘ legendärem Ready-Made »Capri-Batterie« (1985) über die »Relumine«- Serie von mischer‘traxler (2010) bis hin zur Installation »Temporali« (2013) des Künstlers Alberto Garutti, die die Kraft des natürlichen Lichts durch das Medium des künstlichen Lichts veranschaulicht. Dabei werden auch die zahlreichen Diskussionen thematisiert, die heute im Bezug auf die Gestaltung von Licht geführt werden, etwa die um das politisch erzwungene Verbot der Glühbirne oder zur sozial ungleichen Verteilung der Ressource Licht. Auch hierzu liefern etliche Entwürfe hintergründige Kommentare: etwa Ingo Maurers Entwurf »Holonzki« (2000), seine digitale Imitation einer Kerze »My New Flame« (2012), oder Arik Levys »Rewindable Light« (1995). Vervollständigt wird dieser Prolog zur Ausstellung durch Filmprojektionen, Hintergrundinformationen und einen detaillierten Blick auf das Kultobjekt Glühbirne, sowie seine Nachfolger im digitalen Zeitalter.

2. Ikonen des Leuchtendesigns

Nach dem Blick auf die heutige Omnipräsenz von Licht folgt eine Rückschau auf die Entwicklung der Leuchte. Dieser Bereich verdeutlicht anhand zahlreicher ikonischer Entwürfe, dass die Gestaltung von Licht schon immer zu den herausforderndsten und zugleich faszinierendsten Aufgaben für Designer, Künstler und Architekten zählte. Anhand von rund 50 Exponaten – überwiegend aus der Leuchtensammlung des Vitra Design Museums – zeichnet dieser Bereich Meilensteine des Lichtdesigns nach und geht auf Hintergründe sowie auf gesellschaftliche, soziale, politische und technologische Faktoren ein, die die Gestaltungsprinzipien maßgeblich mitbestimmten. So sollten die ersten Leuchtenentwürfe des Historismus Ende des 19. Jahrhunderts ihre wahre Herkunft aus der Fabrik noch verbergen und die Sympathie des Käufers durch vertraute Formen und pseudohandwerkliche Details gewinnen. Die ersten Designer und Architekten der Moderne, die sich mit der Gestaltung von Leuchten befassten, wollten hingegen eine neue, ehrliche Industrieform ins Leben rufen. Daraus entstanden Peter Behrens' berühmte Entwürfe für die AEG, Gerrit Rietvelds Hängeleuchte von 1922 sowie Wilhelm Wagenfelds als Bauhaus-Leuchte bekannte Tischleuchte von 1923/24. In den folgenden Jahrzehnten holten Entwürfe wie George Carwardine‘s »Anglepoise« (1932) das funktionale Licht aus der Werkstatt in die Privatsphäre, während sich in der Nachkriegszeit Gestalter wie Gino Sarfatti oder Poul Henningsen mit den skulpturalen Möglichkeiten von Leuchten beschäftigten. Mit Richard Sappers »Tizio« (1970) hielt die Halogentechnik Einzug in die Wohnräume und das Niedervolt-System »Metro« (1982) von Hannes Wettstein wirkte so überzeugend in seiner Einfachheit, dass Kopien davon schon bald in jedem Wohnzimmer hingen.

3. Farbe, Raum, Bewegung

Im dritten Teil von »Lightopia« wandert der Blick von der Leuchte auf das Licht selbst. Es geht um seine Fähigkeit, Räume zu gestalten, Stimmungen zu erzeugen und Geschichten zu erzählen. Die ersten Beispiele dafür verfolgt die Ausstellung zurück bis zu den höfischen Spektakeln aus Feuerwerk und Klang, die in Bauten wie dem Palais de l’Electricité auf der Pariser Weltausstellung 1900 ihre Nachfolger fanden. Die Bedeutung von Licht als monumentales Mittel zur Inszenierung öffentlicher Spektakel und Machtdemonstrationen wird in Albert Speers Licht-Domen der Nazi-Ära deutlich, kam aber ebenso bei der Eröffnungsfeier der Olympischen Spiele in Beijing 2008 zum Ausdruck, bei der Einzelpersonen zu Lichtpunkten in einer gigantischen Performance wurden. Doch es gibt auch eine Entwicklung des Lichtdesigns in kleinerem Maßstab, die in enger Verflechtung mit Raumgestaltung und Kunsttendenzen entstanden ist. Beispiele dafür sind in der Ausstellung etwa Hans Richters Filmexperimente der 1920er-Jahre oder der berühmte »Licht-Raum-Modulator« (1922 – 1930) von László Moholy-Nagy. In der Nachkriegszeit wurde Licht zu einem wichtigen Medium vieler Kunstrichtungen, wie sich an Exponaten des einflussreichen deutschen Künstlers und »Zero«-Mitbegründers Heinz Mack oder am Philips-Pavillon auf der Weltausstellung 1958 verfolgen lässt. Dieser brachte Künstler verschiedenster Disziplinen (Le Corbusier, Iannis Xenakis und Edgar Varèse) zusammen, um eine außergewöhnliche, multimediale Licht-Klang-Installation zu realisieren. Auch der Einzug neuer Kunststoffe ins Design ist ein wichtiger Aspekt, denn dieser eröffnete neue Möglichkeiten im Umgang mit transluzenten Materialien. Dies zeigt die Ausstellung anhand einer partiellen Rekonstruktion des spektakulären Bozener Nachtclubs »Il Grifoncino« von 1968, der die psychedelischen Farbwelten der späten 1960er-Jahre veranschaulicht. Eine zentrale Stellung hat hier auch eine Installation von Carlos Cruz-Diez aus der bereits 1965 begonnenen Serie »Chromosaturation«, die die physikalischen Eigenschaften des Lichts und seine Zusammensetzung aus Spektralfarben intensiv erfahrbar macht.

4. Licht für morgen

Was sind die zukünftigen Herausforderungen für den gestalterischen Umgang mit Licht? Was sind die vielversprechendsten Ansätze von Designern, Künstlern und Architekten, mit denen neue technische Möglichkeiten ergründet werden? Wie könnten diese Innovationen unsere Lebenswelten beeinflussen – oder in welcher Form tun sie es bereits? Mit diesen Fragen beschäftigt sich der letzte Abschnitt von »Lightopia«. Er umfasst zum einen mehrere große Installationen auf Basis neuer Lichttechnologien, etwa aus den Leuchten » Starbrick« (2009) von Olafur Eliasson, Paul Cocksedges »Bourrasque« (2011) oder Christian Haas‘ »Ropes« (2013). Andere Exponate und Projekte sind eher geprägt von der Suche nach Balance zwischen natürlichem und künstlichem Licht, zwischen zu viel Licht und ausreichend Dunkelheit, allgemeiner Grundbeleuchtung und personalisierter Einzelbeleuchtung. So beginnen Stadtbeleuchtungen auf Mondlicht zu reagieren, Straßenlaternen sind mit Bewegungsmeldern ausgestattet und weiche, transparente, aus sich selbst heraus leuchtenden Medienfassaden definieren den urbanen Raum. Architekten wie realities:united machen sich die Digitalisierung des Lichts zunutze, um Innenraum, Außenhülle und Umgebung mithilfe des Lichts räumlich in Beziehung zueinander zu setzen und die kommunikative Kraft der Architektur zu verstärken. Neben solchen großdimensionalen Projekten veranschaulicht die Ausstellung hier auch, wie energieeffiziente Leuchtdioden die Koppelung von Beleuchtung und Energieproduktion ermöglichen, etwa mit Werken von Joris Laarman, Auger Loizeau, Rogier van der Heide oder Marjan van Aubel. Dass auch Sonnenlicht heute als vielseitiges Werkzeug zur Produktion von künstlichem Licht genutzt wird illustrieren Arbeiten wie die von mischer‘traxler oder Markus Kayser. Eine zentrale Rolle für die Entwürfe dieser Designer nehmen die Lichttechnologien jenseits der klassischen Glühbirne ein, ob die seit den 1990ern populären Leuchtdioden (LED) oder ihre sich derzeit rasant entwickelnden Nachkommen, die organischen Leuchtdioden (OLED). Leuchtmittel auf dieser Basis werden heute in High-Tech-Prozessen hergestellt, und die daran beteiligten Unternehmen unterhalten Forschungslabore und Think Tanks, um sich mit der Zukunft des künstlichen Lichts zu befassen. Dieser abschließende Bereich von »Lightopia«, in dem all diese Zukunftsforschungen präsentiert werden, ist denn auch als großes Labor inszeniert -- mit bereits existierenden, zukunftsweisenden Lösungen, aber auch mit Prototypen, Experimenten oder Visionen, die das Licht in unserem Alltag verändern könnten.

Rahmenprogramm / Katalog

»Lightopia« wird begleitet von einem umfangreichen Rahmenprogramm aus Vorträgen, Diskussionen, Symposien und Workshops mit namhaften Künstlern, Designern und Wissenschaftlern. Unter den Gästen sind Michele De Lucchi, Ben van Berkel, Richard Sapper, Winy Maas/MVRDV, Rogier van der Heide, Troika, mischer’traxler und viele andere. Zur Ausstellung erscheint ein ca. 300-seitiger Katalog in drei Bänden mit über 300 Abbildungen. Er umfasst Essays u.a. von Peter Weibel, Sidney Perkowitz, Hartmut Böhme, Bart Lootsma, Joseph Grima sowie Interviews mit Ingo Maurer, realities:united, Ulrike Brandi und Rogier van der Heide. Außerdem gibt diese Publikation erstmals einen umfassenden Einblick in den bislang nie präsentierten Leuchtenbestand des Vitra Design Museums, indem sie die 100 wichtigsten Leuchten aus der Sammlung zeigt. Im Anschluss an die Präsentation im Vitra Design Museum wird »Lightopia« in weiteren Museen weltweit gezeigt.

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