Montag, 18. November 2013

Fashion Talks – Mode und Kommunikation / Ausstellung im Heinz Nixdorf MuseumsForum

Mit jedem Kleidungsstück, das wir anziehen, treffen wir eine Aussage. Ob Anzug mit Krawatte, verschlissene Jeans oder modische Brille: Wir sagen bewusst oder unbewusst etwas über unsere Vorlieben und Einstellungen, unsere Zugehörigkeit zu gesellschaftlichen Gruppen, unsere Stimmung oder unseren Beruf aus.

Mode kommuniziert viele Aspekte und ist ein Produkt vielfältiger Kommunikation. Das ist Thema der neuen Ausstellung "Fashion Talks - Mode und Kommunikation" im Paderborner Heinz Nixdorf MuseumsForum (HNF) vom 9. November bis zum 15. Juni 2014.

Bereits die Entstehung von Mode ist ein hochkomplizierter kommunikativer Prozess. Designer, Medien, Jugendszenen, Popkulturen, Traditionen und neue Technologien sind nur einige der Elemente, die auf das Produkt Mode einwirken.

"Mit dieser Thematik passt Fashion Talks hervorragend in das Heinz Nixdorf MuseumsForum", betonte anlässlich der Ausstellungseröffnung HNF-Geschäftsführer Dr. Kurt Beiersdörfer. "Kommunikation und Informationstechnik sind äußerst eng verbunden. Daher freut es uns besonders, dass wir diese faszinierende und innovative Ausstellung vom Museum für Kommunikation Berlin übernehmen konnten."

In der von Bitten Stetter und Vera Franke kuratierten Ausstellung wird der Entstehungsprozess von Mode deutlich und anhand zahlreicher Objekte dargestellt. Zu sehen sind der "teuerste Mantel der Welt", der aus 7.531 Etiketten zusammengenäht ist, eine Tweed-Krone von Meret Becker, entworfen von Vivienne Westwood, oder ein Kleid aus 4.800 Wäscheklammern. Fashion Talks zeigt aber auch die historische und modische Entwicklung der Jeans und bietet einen Ausblick auf textile und technologische Innovationen der Zukunft. So sind ein Handschuh für Taubblinde und Beispiele für textile Grundlagenforschung zu sehen. Die Besucher können Stoffe erleben und ausprobieren, die im Dunkeln leuchten, auf Druck reagieren oder Musik machen.

Weitere Möglichkeiten aktiv zu werden haben die Besucher, wenn sie eine Jeans auf "alt" trimmen, Vorschläge für eine neue Jugendszene entwickeln oder am Computer ein eigenes Tartan-Karomuster entwerfen.

Die Ausstellung nimmt die Besucher mit zu alltäglichen Kleidungsstücken und zeigt, wie kleine Abweichungen in Schnitt, Muster und Nachbearbeitung die Codes verwandeln, und wie das komplexe und raffinierte System Mode funktioniert. Von der Kreation bis zur Vermarktung veranschaulicht sie die Strategien der Modekonzerne und Designer.

Fashion Talks konzentriert sich auf sieben Themenschwerpunkte. Es geht um die Bedeutung von Jeans, Tarnkleidung und karierten Stoffen (Tartan), um Modemarketing, Uniformierung, jugendkulturelle Szenen und moderne Smart Clothes.


AUSSTELLUNGSBEREICHE

Intro

Empfangen werden die Besucherinnen und Besucher von fünf lebensgroßen Figuren. Die weißen Gestalten sind mit Abzeichen wie Sonnenbrille, Orden oder Designermarken verziert und stehen jeweils für einen bestimmten Modetypen. Ein Spiegelgang konfrontiert die Gäste mit ihrem Selbstbild, aber auch mit der äußeren Erscheinung der anderen Gäste - ein Vergleich, dem wir uns tagtäglich immer wieder stellen müssen. Die 21 Quadratmeter große Wandillustration "Style Stones" schließlich richtet den Blick in die Vergangenheit und erzählt unter anderem von der Befreiung der Frau von dem Korsett und dem Einfluss der Sportmode auf die Alltagskleidung.

Uniformierung. Gleichheit im Anderssein

Uniformen heben das Individuum hervor und signalisieren zugleich die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Gruppe. Schulterklappen, Sterne und Orden spiegeln dabei Hierarchien und besondere Auszeichnungen wider und sind meist nur für Eingeweihte lesbar. In der Mode werden diese Abzeichen gerne zitiert; Accessoires wie Sonnenbrillen, Schnürsenkel oder gar Kopfhörer sind moderne Rangabzeichen einer Alltagsuniform. So dominiert der "Einheitslook" der unterschiedlichen Milieu-, Jugend- und Trenduniformen das Straßenbild.

Von der historischen Postuniform bis zum künstlichen Fingernagel im Hahnentritt-Muster spannen die Exponate einen weiten Bogen, der die unterschiedlichen Strategien von Differenzierung nachvollziehbar macht. Wie ideenreich Designer mit der Zeichensprache klassischer Uniformierungen spielen, zeigen eine handgestrickte Uniformjacke sowie Kreationen von Vivienne Westwood.

Amt für jugendkulturelle Szenen. Codes unter Kontrolle

Jugendszenen sind wichtige Keimzellen für neue Trends. Ihr oftmals auffälliger Kleidungsstil findet viele Nachahmer. Modehersteller bedienen diese Zielgruppen, indem sie szenetypische Merkmale kopieren und dem allgemeinen Geschmack anpassen. In der Ausstellung ist das "Amt für jugendkulturelle Szenen" für die Verwaltung dieser Szenen zuständig.

Ob die Hornbrille der"Warez" (Computerfreaks), der Schal der "Ultras" (Fußballfans) oder die Neonkappe der "Atzen" (Diskoprolls): Hier werden authentische Abzeichen von 24 Szenen in Schubladen aufbewahrt und präsentiert. Außerdem beschlagnahmt das Amt modische Ware, die Jugendszenen nachahmt.

Ein Beispiel dafür, wie ursprünglich weltanschauliche Szenezeichen auf dem Wühltisch landen, ist die Verwendung des Plattencovers "God save the Queen" der Punk-Band "Sex Pistols": Während das Motiv im Jahre 1977 noch ein von Vivienne Westwood für die Punk-Szene entworfenes T-Shirt zierte, wird mit dem Print auf T-Shirts von der Stange der Punk heute zum massenkompatiblen Phänomen.

In einer in Zusammenarbeit mit dem Archiv der Jugendkulturen e.V. entstandenen Datenbank sind mehr als 60 Jugendszenen und deren Style Codes in Form von Kurzprofilen abrufbar. Und wer eine noch nicht erfasste Jugendszene kennt, kann gleich vor Ort einen Antrag auf Aufnahme stellen - auf einer mechanischen Schreibmaschine versteht sich.

Kauf mich! Strategien des Modemarketings

Wer bestimmt, was mir gefällt? Wie werden aus Trends Strategien? Modekonzerne sind Nachahmer und Trendsetter zugleich. Sie bewegen sich am Puls der Zeit und absorbieren gesellschaftlich relevante Themen. Die Interessen ihrer Zielgruppe stets im Blick docken sie geschickt an aktuelle Themen und Inhalte an. So zum Beispiel die Marke "Bed | Stü":

Diese brachte 2010 mit ihrer "Gulf Coast Cleanup Collection" Schuhe auf den Markt, die mit Ölspuren überzogen schienen. Suggeriert werden sollte, der Träger sei bei der Bekämpfung der Ölpest an der Golfküste dabei gewesen.

Neben den auf das ökologische Denken ausgerichteten Strategien setzen Modekonzerne bewusst auf Themen wie "Schönheit" oder "Tradition" - oder auch auf die Kreativität der Konsumenten. Legendär ist hier der "adicolor" von Adidas (1983), ein weißer Turnschuh, den man mit dazugehörigen Acrylfarben nach Lust und Laune farblich gestalten konnte.

Jeans, Camouflage, Tartan

Mode aber ist nicht nur schnelllebig und hochaktuell, sondern auch beständig. Denn oft greift sie zurück auf das Vorangegangene oder Alte und transformiert dabei die Bedeutungen und symbolische Aufladungen historischer Stoffe und Muster.

Drei Musterbeispiele veranschaulichen, wie dieses Prinzip funktioniert:

Jeans. Die globale Alltagsuniform

Ursprünglich als robuste Arbeitskleidung für Goldgräber kreiert, prägen Jeans seit den 1950er Jahren jugendkulturelle Stile vieler Nationen. Heute sind sie globale Alltagsuniform. Aber: Jeans sind nicht gleich Jeans. Die persönlichen Gebrauchsspuren geben jeder Hose die besondere individuelle Note und verleihen ihr Authentizität. Unternehmen haben den Marktwert dieser Spuren erkannt. Ob Whiskers (Sitzfalten) oder die vom Portemonnaie ausgebeulte Gesäßtasche - sie imitieren diese Abnutzungen und vermarkten sie unter dem Label "Authentic Wear" oder "Vintage Look".

In der Ausstellung kann man eine jeweils natürlich verschlissene Jeans mit den industriell auf alt getrimmten Hosen vergleichen und sich an einer Werkbank auch selbst beim Finishing (Nachbearbeiten) von Jeans erproben. Wie zugespitzt diese Nachbehandlungen sein können, zeigen beispielsweise eine mit Shot Guns (Löchern) übersäte Jeans (Vivienne Westwood) sowie die völlig zerrissene weiße Jeans von Maison Martin Margiela.

Camouflage. Verstecken und Entdecken

Camouflage-Muster dienen der Tarnung und wurden für den militärischen Einsatz entwickelt. Heute signalisiert Camouflage in der Subkultur, der Haute Couture und auch im Mainstream Zugehörigkeit und Abgrenzung. Der Wunsch aufzufallen, hat in der Mode den Effekt der Tarnung abgelöst. Seitdem hochpreisige Labels ihre Abendroben und Handtaschen mit Camo-Oberflächen dekorieren und Streetwear-Labels Camouflage als Markenzeichen einsetzen, hat sich der subversive Ausdruck von Camouflage-Mode verflüchtigt. Von der Wehrmachtsuniform über einen gestrickten Ganzkörpertarnanzug (OLEK) bis zu einem aus 4.800 Wäscheklammern kreierten Tarnkleid (Bitten Stetter) zeigt die Ausstellung, wie vielfältig Tarnkleidung sein kann.

Tartan. Stile im Fadenkreuz

Karierte Stoffe nennt man in Großbritannien Tartan. Ob Punk, Schulmädchen oder Oberschicht - je nach Farbspektrum entfalten sie eine ganz unterschiedliche Wirkung. Die meisten der bekannten Tartans wurden schon vor mehr als 250 Jahren in Schottland getragen und signalisierten die Zugehörigkeit zu einem bestimmten Clan (Stamm).

Auch heute transportieren die Muster eine ganz bestimmte Aussage: So steht das ursprünglich als Innenfuttermuster genutzte und mittlerweile tausendfach kopierte hellgründige "Nova Check" der Marke Burberry für den Stil der "Upper Class" (Oberschicht). Dem von den "Urban Heros" (Helden der Großstadt) getragenen rot-schwarz-gemusterten "Rob Roy" dagegen haftet das rebellische Image des gleichnamigen schottischen Unabhängigkeitskämpfers an.

Fashion Talks erzählt die Geschichte und Geschichten der Tartans und bietet die Möglichkeit, ein eigenes Tartan-Muster am PC zu kreieren und auf eine Papierkrawatte zu drucken.

Das Neue. Zurück in die Zukunft

Modemacher stehen unter dem Druck stets Neues erfinden zu müssen. Mehrere Kollektionen im Jahr sollen Publikum und Käuferschaft begeistern. Das kreative Potenzial dazu findet sich überall: in der Straßen- und Subkultur, in den Designabteilungen der Hersteller, in Fashion Blogs und in den Ateliers der Haute Couture. Oft greifen sie zurück auf das Vorangegangene oder Alte. Sie transformieren vertraute Bilder und nutzen deren Symbolkraft. Am Beispiel von Avantgarde Fashion Shows zeigt die Ausstellung, wie in der Mode zitiert, transformiert und provoziert wird und das Neue von der Symbolkraft des Bekannten profitiert und diese neu interpretiert.

Intelligente Kleidung - Smart Clothes

Immer kleiner werdende Computer ermöglichen es, dem Menschen immer dichter an den Körper zu rücken. Seit mehr als einem Jahrzehnt entwickeln Forscher, Firmen und Designer neue Mensch-Maschine-Schnittstellen, die sogenannten Smart Clothes. Die Devise lautet: Medien werden zu Kleidung und Kleidung zu Medien. In der Ausstellung sind sechs Beispiel für Smart Clothes zu sehen, von künstlerischen Objekten bis zu technischen Hilfestellungen für Behinderte. Darunter sind ein aufwändiges Kleid, dass mithilfe von Farbe und Druckluft die Emotionen der Trägerin sichtbar macht, aber auch ein Handschuh für Taubblinde, mit dessen Hilfe sie kommunizieren können. Zudem werden Beispiel des Fraunhofer Instituts IZM Berlin gezeigt, die illustrieren, was Textilien in Zukunft leisten können.


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