Freitag, 6. Dezember 2013

Ruhe-Störung - Streifzüge durch die Welten der Collage

Ausstellungszeitraum 28.9.2013 – 26.1.2014

Eine Ausstellung zeitgleich im Marta Herford und im Kunstmuseum Ahlen.


Mit mehr als 400 Exponaten präsentieren das Kunstmuseum Ahlen und das Marta Herford eine fulminante Ausstellung zum Prinzip Collage in der Kunst des 20. und 21. Jahrhunderts. Private und öffentliche Leihgeber aus dem In- und Ausland haben ihre Schätze zur Verfügung gestellt; dazu treten eigens für die Ausstellung konzipierte Installationen zeitgenössischer Collage-KünstlerInnen. Sechs thematische Streifzüge fächern die ganze Bandbreite der Themen, Techniken und Materialien auf – von den frühen Klebebildern der 1910er Jahre über Objekt-Collagen bis zu ganzen collagierten Räumen. Es erscheint ein umfangreicher gemeinsamer Katalog (dt./engl.) mit 280 Seiten und zahlreichen Abbildungen im Kettler-Verlag.

Der Schnitt, das Reißen und das lustvolle Aufbegehren gegen eine illusionistisch empfundene Welt der Bilderflut – so beginnt im Marta Herford die Reise. Unter der Thematik Widerstand und Zerstörung wird der Fokus auf den dekonstruktiven, widerständigen Charakter der Collage-Kunst gerichtet. Sie artikuliert sich im aufbegehrenden Widerspruch, in der provokanten Zerschlagung gewohnter Zusammenhänge. Doch auch die gegenteilige Wirkung stellt sich ein: Unter der Perspektive von Raumaneignung und Weltenbau erobern Collagen neue Räume aus den Trümmern alter Welten, sie widmen Orte und Dinge um und bauen Konstruktionen von ungeahnter Schönheit. Oftmals ist es aber das vordergründig Wertlose, Abgelegte, das scheinbar Verlorene, dem die Collage unter dem Blickwinkel von Erneuerung und Recycling
neues Leben einhaucht.

Einer dichten erzählerischen Struktur im zentralen Marta Dom folgt eine wunderbare Welt teils weit in den Raum vordringender Collagen zeitgenössischer Künstler in den umliegenden Galerien. Der wagemutige Aufbruch ist das Credo vieler Collage-Künstler. In Ahlener Teil der Ausstellung erscheinen Unruhe und Aufbrüche als eine grundsätzliche Lebenshaltung der Moderne. Die Collage wird dabei zum Zeugnis einer latenten Nervosität. Sie eröffnet zudem Möglichkeiten für neue bildnerische Sprachen, die der Fantasie eine Bühne bereiten. Unter dem Thema Fluchten und Träume zeigt sich, wie Collagen offene Assoziationsräume von Glauben, Sehnsucht und Vision schaffen. Wort und Geräusch durchziehen diese Welt als konstanter Strom von Informationen. Unter dem Aspekt von Vielstimmigkeit und Kakophonie kommen die Collagen selbst zur Sprache, sie klingen, rumoren und scheppern. So wird die Collage zum Sinnbild globaler Kommunikation, von Sprachenvielfalt und Bedeutungschaos. Jede Etage ist hier einem der Erzählstränge gewidmet, doch lassen sich zwischen den Etagen zahlreiche Querverbindungen knüpfen.

Über Zeiten und Räume hinweg wird die „Ruhe-Störung“ als wiederkehrendes Gestaltungsprinzip der Collage sichtbar: als spannungsvoller Kontrast zwischen Gegensätzlichem, das zerschnitten, reduziert, akkumuliert, konstruiert, um- und aufgewertet wird. Seherwartungen werden unterlaufen und neue bildnerische Möglichkeiten erprobt. Entstanden ist ein einzigartiges Ausstellungsprojekt über die verschiedenen Erscheinungsformen der Collage der letzten hundert Jahre. So spielerisch und experimentell wie die Collage-Kunst selbst lädt die Ausstellung den Besucher als Wandler zwischen den Welten zu lustvollen Entdeckungen ein.


Beni Bischof
Krasse Collage , 2013
Collage auf Papier
40,5 x 27,5 cm
Courtesy Galerie Rupert Pfab, Düsseldorf



Eli Cortiñas
No Place Like Home, 2006
2-Kanal-Monitorinstallation, 2:16 min, Loop, Videostill
Courtesy Soy Capitán, Berlin
Foto: Achim Kukulies

Frauke Dannert
Serpentine 2012
Papiercollage
47,7 x 33 cm
Courtesy Galerie Rupert Pfab
Foto: Werner Bloemer

Jean Arp
Maquettes de l´affiche pour l´exposition la grande aventure de l´Art du XXe siècle, 1963
Zeichnung, geklebtes Papier, Bleistiftspuren und Büttenpapier auf Karton geklebt - 30 x 30 cm
Musée d’Art Moderne et Contemporain de Strasbourg
© Photo Musées de Strasbourg und VG Bild-Kunst Bonn, 2013

KRIWET
Las Vegas, 1977
Multimedia-Installation: Diaprojektion, 3 Diaserien à 81 Kleinbilddias, Farbe, 3 Projektoren;
Filmmontage, DVD, Farbe, 8:53 Minuten;
Dschubi Dubi (Hörtext XIV), 1977, Toncollage, 5:55 Minuten
Courtesy BQ, Berlin
Foto: Roman März

Louis Goodman
They have hung the bird, ohne Jahr
Mixed Media
46 x 29 cm
Galerie Inge Baecker – Bad Münstereifel
Foto: Theo Broere

Martha Rosler
Balloons, aus der Serie Bringing the War Home: House Beautiful, 1967/72
Courtesy Galerie Nagel Draxler Berlin, Köln

Martin Kippenberger
I love bezahlen, 1985
Papier, Silikonaufkleber, Collage
64 x 56 cm
Sammlung Grässlin, St. Georgen
Foto: Thomas Berger

Mimmo Rotella
Marilyn, 1963
Plakatabriss
140 x 100 cm
ahlers collection
Foto: Reto Rodolfo Pedrini
© VG Bild-Kunst Bonn, 2013


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