Montag, 24. Februar 2014

Ausstellung: Henry van de Velde – Interieurs

Ausstellung: 28. Februar 2014 bis 1. Juni 2014
Museum für Gestaltung Zürich

Henry van de Velde (1863–1957) hat als Architekt und Designer der Moderne weltweiten Ruhm erlangt. Ab Ende des 19. Jahrhunderts setzt sich der reformorientierte Flame dafür ein, «die Welt von ihrer Hässlichkeit zu befreien» und das Leben der Menschen mit einer neuen Ästhetik zu verbessern. Die Werke, Vorträge und Schriften des in Antwerpen geborenen Künstlers beeinflussen das kulturelle Geschehen weit über die Landesgrenzen Belgiens hinaus. Ursprünglich zum Maler ausgebildet und seit 1888 Mitglied der avantgardistischen Künstlergruppe Les Vingt, entscheidet er sich 1892 für die angewandte Kunst. Inspiriert durch William Morris’ Arts-and-Crafts-Bewegung, strebt auch er nach einer Neubewertung des Handwerks als künstlerische Disziplin. Besonders der Malerei gesteht er die bis dahin allgemein gültige Vorrangposition nicht mehr zu.

Martino Gamper, Remake aus drei Stühlen; 2008;
Museum für Gestaltung Zürich, Designsammlung;
Photo: Museum für Gestaltung Zürich, FX.Jaggy/U.Romito © ZHdK

Van de Velde bildet sich autodidaktisch zum Architekten aus, wirkt als Designer, Pädagoge und Kunstberater. In allen Bereichen sucht er danach, das Leben mit Kunst zu durchdringen. Er erklärt, dass der neue Stil nichts hervorbringen solle, was nicht praktische und rationale Grundlagen habe. Seine kunstgewerblichen Gegenstände des täglichen Gebrauchs zielen dabei auf die Übereinstimmung von Form und Funktion sowie auf Vereinfachung des Ornaments. Gestalt finden diese grundlegenden Prinzipien in dem 1895 für sich und seine Familie entworfenen Haus Bloemenwerf in Uccle bei Brüssel. Die provokativ einfache Formensprache dieses Refugiums zieht schon bald Bewunderer aus dem In- und Ausland an.

In der selbstgewählten Einsamkeit hält es den Künstler jedoch nicht lange. In Belgien isoliert, arbeitet er zunächst für den Kunsthändler Siegfried Bing in Paris, erfährt jedoch vernichtende Kritik durch das französische Publikum. Von den Berliner Kunstvermittlern Julius Meier-Graefe und Harry Graf Kessler ermutigt, siedelt van de Velde im Jahr 1900 schliesslich in das kulturell aufgeschlossene Deutschland über. Zunächst Berlin und dann Weimar sind die Stätten seines Wirkens, an denen er nicht nur spektakuläre Häuser und Inneneinrichtungen schafft, sondern auch die kunstgewerbliche Produktion landesübergreifend beeinflusst. Doch spätestens mit Ausbruch des Ersten Weltkriegs fühlt er sich in seiner Funktion als Direktor der Weimarer Kunstgewerbeschule nicht mehr willkommen und reicht seine Kündigung ein, die erst 1915 wirksam wird. Es folgen einige Jahre des Exils in der Schweiz, 1919 der Ruf in die Niederlande sowie später die Rückkehr nach Belgien und die Realisierung umfangreicher Bauprojekte, etwa die belgischen Pavillons für die Weltausstellungen in Paris und New York.

Die letzten zehn Jahre seines Lebens verbringt Henry van de Velde gemeinsam mit seiner Tochter Nele wiederum in der Schweiz, in Oberägeri im Kanton Zug, und widmet sich überwiegend dem Verfassen seiner Lebensgeschichte. Die Stadt Zürich unterhält zum Werk des Künstlers eine besondere Beziehung: Bereits 1907 – zur programmatischen Neueröffnung des Kunstgewerbemuseums – zeigt van de Veldes Schüler Julius de Praetere dessen Innenausstattungen und signalisiert damit den Aufbruch zur Kunstgewerbereform in der Schweiz. Nach van de Veldes Tod ehrt 1958 abermals das Kunstgewerbemuseum sein Gesamtwerk und richtet eine Retrospektive aus. Im darauffolgenden Jahr kommt es aus dem Erbe sowie dem Besitz des Sohnes zu umfassenden Ankäufen durch die Sammlungen des Museum für Gestaltung Zürich, das 1993 erneut das OEuvre des begnadeten «Alleskünstlers » präsentiert.

Die aktuelle, thematisch konzipierte Ausstellung im Museum Bellerive stellt Henry van de Veldes bahnbrechende Interieurs der Jahre um 1900 anhand bedeutender Einzelstücke vor und macht die Ensembles mittels Fotografien und Entwurfszeichnungen erlebbar. Sie vermittelt Einblicke in Henry van de Veldes beeindruckendes, von der gestalterischen Kraft der geschwungenen Linie durchdrungenes Schaffen.

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