Mittwoch, 5. Februar 2014

Das Prinzip Kramer. Design für den variablen Gebrauch

Museum Angewandte Kunst in Frankfurt am Main
6. Februar – 7. September 2014

Ferdinand Kramer (1898-1985) gilt als einer der wichtigsten Architekten und Designer der deutschen Gestaltungsmoderne. Mit neuen Vorstellungen vom Gebrauch der Dinge – den Begriff „Mobiliar“ nahm er wörtlich – verlieh Kramer den sich verändernden Lebensverhältnissen im 20. Jahrhundert Ausdruck und Gestalt.

Ab Februar 2014 zeigt das Museum Angewandte Kunst in Frankfurt am Main mit Das Prinzip Kramer. Design für den variablen Gebrauch eine umfassende Retrospektive Kramers. Vielen vor allem als Architekt von Großprojekten wie dem „Neuen Frankfurt“ der 1920er Jahre oder der Goethe-Universität Frankfurt in der Nachkriegszeit bekannt, wird Kramer hier als Designer vorgestellt.

Es ist die Reflexion gesellschaftlicher Entwicklungen, das Mitdenken des – immer auch sozialen – Umraumes in einem Prozess des Gestaltens, der sich speist aus dem Geist einer veränderten Sicht auf die Welt, es sind Attribute wie Einfachheit, Klarheit und Benutzbarkeit, die Kramers Arbeiten ausmachen. Wie für ein Warenhaus und lange vor Unternehmen wie IKEA schuf Kramer flexible Möbel zum Selbst-Zusammenbauen, modulare Möbelsysteme sowie zerlegbare Tische und Schränke.

Mit über 100 Exponaten – Lampen, Öfen und Kannen aus den frühen 1920er Jahren, genormten Fenster- und Türbeschlägen sowie Klein- und Typenmöbel aus der Zeit des Neuen Frankfurt, mit Zeichnungen und Werken aus der Zeit von Kramers Emigration in die USA, zahlreichen Beispielen aus dem Inventar der Goethe-Universität Frankfurt und seltenen Objekten aus dem Besitz der Familie – präsentiert diese Ausstellung vor allem jene Sammlung von Designobjekten Ferdinand Kramers, die von Gerda Breuer während ihrer Tätigkeit an der Bergischen Universität Wuppertal aufgebaut wurde. Ergänzt werden die
historischen Stücke durch eine Auswahl an in Reedition nach Original-Entwürfen Kramers gefertigten Möbeln von e15, die zeigen, dass Kramers Arbeiten auch für die heutige Designindustrie aktuell und relevant sind.

Ferdinand Kramer, Wohnraumeinrichtung, Rotterdam, 1927, Foto: Kramer Archiv, Frankfurt am Main

1920-1938 – Mitarbeit am Neuen Frankfurt

Nützlichkeit, Variabilität, Rationalität standen in den 1920er Jahren aufgrund der prekären wirtschaftlichen Situation der Nachkriegszeit im Vordergrund. Am Frankfurter Hochbauamt unter der Leitung des Stadtbaurates Ernst May war der junge Ferdinand Kramer für Fragen der Normung zuständig. Er entwarf Öfen, Türdrücker und Fensterbeschläge, Sperrholztüren, Möbel für Siedlungen, Schulen und Kindergärten. Nebenher entwickelte er Stühle und Schränke für die Firma Thonet, ähnlich wie sein Vorbild Adolf Loos. Zugleich war er in vielen einschlägigen programmatischen Ausstellungen vertreten, wie 1924 in Stuttgart bei der Werkbund-Ausstellung „Die Form" oder drei Jahre später in der Werkbund-Ausstellung „Die Wohnung" in der Weißenhofsiedlung Stuttgart, wo er ein Reihenhaus von J. J. P. Oud und zwei Wohnungen im Haus von Mies van der Rohe einrichtete.

1938-1952 – Emigration in die USA

Nachdem er 1937 aus der Reichskammer der bildenden Künste ausgeschlossen und mit Arbeitsverbot belegt worden war, emigrierte Kramer 1938 in die USA. Dort faszinierte ihn der mobile Lebensstil der Amerikaner. Er entwarf Miniküchen auf Rädern, „Knock-Down-Furniture“ – zerlegbare Möbel nach dem Vorbild amerikanischer „Knock-Down-Houses“ –, stapelbare, zusammenklappbare, fahrbare Möbel, ganze Wareneinrichtungen nach neuesten Theorien der Wahrnehmung und sogar einen Wegwerf-Regenschirm, den eleganten und erfolgreichen „Rainbelle“.

1952-1963 – Rückkehr nach Frankfurt

Max Horkheimer, ab 1951 Rektor der Frankfurter Universität, holte Kramer 1952 nach Deutschland zurück. Als Baudirektor der Johann Wolfgang Goethe-Universität baute Kramer nicht nur das zerstörte Universitätsgelände mit 23 neuen Gebäuden wieder auf, sondern übernahm auch deren Inneneinrichtung. Hier waren flexible Möbel für den Massenbedarf von Studierenden gefragt. Mit Wiederauflagen aus den 1920er Jahren und dem kd-Möbelprogramm (knock-down), zerlegbaren Tischen und Schränken in einem modularen System, verschiedenen Formaten und vielen Kombinationsmöglichkeiten, schuf er flexible Gebrauchsmöbel. Er wählte auch bewährte, industriell gefertigte Einrichtungsgegenstände, die auf dem Markt schon vorhanden waren, holte sie aus ihrer Anonymität heraus, um sie, teils ergänzt oder verbessert, ohne Rücksicht auf Status der Personen in allen Räumen der Universität einzusetzen. Zurückhaltend und dienend prägten sie sinnfällig eine Atmosphäre, die von einem aufgeklärten, demokratischen Geist bestimmt war.

Heute erleben Kramers Entwürfe vom Türdrücker bis zum Couchtisch ein Revival, stehen sie doch für Werte wie Langlebigkeit, Zeitlosigkeit und Nachhaltigkeit, die in Zeiten schwindender Ressourcen wieder von größter Aktualität sind.


Hintergrund – Design in Frankfurt 1925 bis 1985

Frankfurt am Main kann auf eine profilierte Gestaltungstradition zurückblicken, die sich durch eine eher strenge Ästhetik auszeichnet und stets das Nützliche und Effiziente in den Mittelpunkt stellte. Wie ein roter Faden zieht sich dieser einzigartige „Frankfurt Design Spirit“ seit den 1920er Jahren durch mehrere Designergenerationen.

Mit einer langfristig angelegten Ausstellungsreihe will das Museum Angewandte Kunst diese spezielle Frankfurter Gestaltungshaltung in Etappen aufarbeiten und beleuchtet aus der Fülle an Beispielen immer wieder neue Aspekte.

Parallel zum Schwerpunkt auf Ferdinand Kramer versammelt die Überblicksschau Weniger, aber besser. Design in Frankfurt 1925 bis 1985: Das Frankfurter Zimmer seit dem 27. April 2013 die Arbeiten verschiedener wegweisender Frankfurter Designer und ermöglicht so die Einordnung von Kramers Werk in den Gesamtkontext der Frankfurter Gestaltung.

Mit der Ausstellung erscheint die Publikation „Kramer, Ferdinand. Design für variablen Gebrauch“, Gerda Breuer (Hrsg.), mit Texten von Gerda Breuer, Leif Hallerbach, Thilo Hilpert, Ferdinand Kramer, Lore Kramer, Julia Meer, Michael Müller und Wolfgang Thöner. 400 Seiten mit zahlreichen, teils farbigen Abbildungen, Format 21,5 x 26,5 cm, Softcover, Ernst Wasmuth (8Verlag, ISBN 978 3 8030 3215 7). Das Buch ist während der Ausstellung an der Museumskasse für 38 Euro erhältlich.

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