Donnerstag, 20. März 2014

AUSSTELLUNG: Die Göttliche Komödie - Himmel, Hölle, Fegefeuer aus Sicht afrikanischer Gegenwartskünstler

Himmel, Hölle, Fegefeuer: Das MMK Museum für Moderne Kunst Frankfurt am Main verwandelt sich in Dante Alighieris „Göttliche Komödie“. 50 Künstlerinnen und Künstler mit afrikanischen Wurzeln werfen einen Blick auf den Klassiker der Weltliteratur. Die Großausstellung erstreckt sich auf 4200 Quadratmetern über die gesamte Fläche des Museums und umfasst 23 Neuproduktionen, die explizit für diese Ausstellung konzipiert wurden. Ausgehend von ihren unterschiedlichen kulturellen und religiösen Hintergründen untersuchen die Künstlerinnen und Künstler einzelne thematische Sequenzen der „Göttlichen Komödie“.

Aïda Muluneh, The 99 Series, 2013, © Aïda Muluneh


Zusammen mit dem international renommierten Autor und Kurator Simon Njami, der die Ausstellung inhaltlich entwickelte, hat das MMK diese umfangreiche Präsentation organisiert. Die „Göttliche Komödie“ reflektiert theologische, philosophische und moralische Fragen, die ihre Aktualität dauerhaft bis in unsere Gegenwart bewahrt haben und sowohl für gesellschaftliche, politische sowie wirtschaftliche Themen als auch für heutige Glaubensfragen weiterhin von Relevanz sind. Die Ausstellung nimmt Dantes Text als Ausgangspunkt und dekonstruiert den Ansatz, dass Glaubensvorstellungen eindeutig und kulturell zuzuordnen sind. Sie geht davon aus, dass die von Dante aufgeworfenen Fragen nach dem Jenseits universell und auf viele Kulturen und Religionen zu übertragen sind.

Simon Njami hat die Künstler dieser Ausstellung eingeladen zu den grundlegenden Fragen der „Göttlichen Komödie“ Stellung zu nehmen und sich auf persönliche Jenseitsreisen zu begeben. „Hier geht es nicht konkret um die ‚Göttliche Komödie’, auch nicht um Dante. Es geht um etwas wahrhaft Universelles. Etwas, das uns alle, unabhängig von unserem Glauben oder unseren Überzeugungen, im Innersten berührt: unser Verhältnis zum Jenseits. Genau das wird hier ins Werk gesetzt von einem vielstimmigen Chor, dessen Schönheit ungeachtet der Dissonanzen und Gegensätze sich wie bei einer Oper oder einer Symphonie gerade den einzigartigen Visionen verdankt, die jeder Einzelne einbringt. Mit anderen Worten, es geht um unser Verhältnis zum Leben und also auch zum Tod“, so Kurator Simon Njami.

In der Ausstellung befassen sich die Künstler vor allem mit den zeitübergreifenden Überlegungen aus Dantes Werk und deren Verknüpfung mit aktuellen Themenkomplexen unserer Gegenwart. Das Konzept überträgt die Fragestellungen der „Göttlichen Komödie“ – einen Meilenstein der europäischen Literatur – damit nicht nur in einen aktuellen, sondern auch einen transnationalen und interkulturellen Kontext. „Seit einigen Jahren wird der bisher westlich dominierte Diskurs der zeitgenössischen Kunst zunehmend von außereuropäischen Akteuren, Theoretikern, Künstlern und Kuratoren geprägt. In unserer durch Globalisierung, Migration und Transkulturalität definierten Gesellschaft ist es für uns von großer Bedeutung, diese Entwicklungen mit Ausstellungen wie ‚Die Göttliche Komödie’ mitzugestalten“, so Dr. Susanne Gaensheimer, Direktorin des MMK.

Nach vielen auf Afrika bezogenen Projekten in den letzten Jahren weltweit möchte diese Ausstellung die Bedeutung des Schaffens afrikanischer Künstler dabei nicht in erster Linie im postkolonialen Kontext betonen, sondern vor allem hinsichtlich ihrer Ästhetik beleuchten. Sie bezieht sich daher weniger auf historische oder politische Inhaltssetzungen, sondern vielmehr auf die Kunst als Ausdrucksform, Unausgesprochenes zu transportieren und zu kommunizieren. Dante Alighieris „Göttliche Komödie“ entstand zwischen 1307 und 1321 während der Verbannung aus seiner Heimatstadt Florenz, wo er seine geistigen Wurzeln hatte. Sein Status als politisch Ausgestoßener bewog ihn zur Reflexion über die Zustände seiner Zeit. Er ließ seine Gedanken zu den politischen, gesellschaftlichen und religiösen Umständen in das Epos einfließen und schuf ein Werk, in dem sich zentrale Gedanken des Christentums mit Glaubensvorstellungen aus der Antike verbinden: Auf seiner Jenseitswanderung lässt sich Dante von dem antiken Dichter Vergil sowie seiner Muse Beatrice durch die drei Reiche Paradies, Fegefeuer und Hölle führen. Die dort erlebten Episoden reichen von beispielhaften Darstellungen menschlicher Verfehlungen in der Hölle über Buße und Erkenntnis im Fegefeuer bis hin zur Erlösung im Paradies.

Über Jahrhunderte hinweg bis heute sind Dantes literarisches Werk und seine bildhafte Sprache eine herausragende Inspirationsquelle für bildende Künstler. Seine Verse eröffnen Bildwelten, die bei Malern wie Bildhauern eine große imaginäre Kraft entfalten und zu Hauptwerken der europäischen Kunstgeschichte geführt haben: begonnen bei Handschriften schon kurz nach Dantes Tod über Giotto di Bondone, Sandro Botticelli, Eugène Delacroix, William Blake, Auguste Rodin bis hin zu Robert Rauschenberg, einem bedeutenden Vertreter der amerikanischen Pop Art in der Sammlung des MMK.

Auf den drei Etagen des MMK präsentieren die Künstler ihre Arbeiten in unterschiedlichen Medien: Malerei, Fotografie, Skulptur, Videoarbeiten, Installationen und Performances. Dabei werden die Jenseitsreiche mal als gottlose Orte entworfen, die mittels der Vorstellungskraft zum Leben erweckt werden, in anderen Arbeiten wird an ihnen die Idee von Göttlichkeit, Hoffnung oder Verlust festgemacht.

Dante spricht im 10. Gesang des Paradieses von der unaussprechlichen oder unnennbaren Urkraft, die alles schuf und über Menschliches hinausgeht. Hier setzen die Künstler ein, die durch ihre Bildsprache die unsagbaren Gedanken schöpferisch formulieren und vermitteln.

Der Kurator der Ausstellung Simon Njami (*1962) organisierte bereits zahlreiche Ausstellungen zur zeitgenössischen afrikanischen Kunst, darunter „Africa Remix“ (2004-2007), er kuratierte den afrikanischen Pavillon der Biennale Venedig 2007 sowie die FNB Joburg Art Fair 2008 in Johannesburg und veröffentlichte zahlreiche Publikationen zu afrikanischer Kunst.

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