Dienstag, 17. Juni 2014

(Mis)Understanding Photography. Im Museum Folkwang reflektieren Künstler 175 Jahre Fotografiegeschichte

Aneta Grzeszykowska, Untitled Film Still #3, 2006, Standfoto, Ohne Titel #3, C-Print, 25 x 16,5 cm, © Aneta Grzeszykowska, Courtesy Raster Gallery, Warschau 


Essen, 13. Juni 2014 – Seit der Entstehung der Fotografie vor 175 Jahren wird das Medium von Künstlerinnen und Künstlern nicht nur genutzt, sondern auch fotografisch befragt, analysiert und reflektiert. So entstehen Kunstwerke, welche die Technik und die Materialität, die sozialen und ökonomischen Gebrauchsweisen und die bildnerischen Traditionen der Fotografie selbst kommentieren und bespiegeln. Mit dieser reichen und faszinierenden Geschichte der „Fotografie im Spiegel ihrer selbst“ setzt sich nun im Museum Folkwang erstmals eine große Ausstellung in umfassender Weise auseinander. (Mis)Understanding Photography – Werke und Manifeste (14. Juni – 17. August 2014) tut dies auf eine spielerische, ironische, zuweilen melancholische oder radikale Weise. Gezeigt werden Fotografien, Filme und Installationen von nahezu 60 internationalen Künstlerinnen und Künstlern sowie 58 Manifeste, und sie alle handeln vom wichtigsten Bildmedium der Gegenwart. Darunter sind Hauptwerke von Tacita Dean, Hans-Peter Feldmann, Aneta Grzeszykowska, John Hilliard, Erik Kessels, Sherrie Levine, Santu Mofokeng, Ugo Mulas, Barbara Probst, Timm Rautert, Thomas Ruff, Wolfgang Tillmanns, Timm Ulrichs, Gillian Wearing, Jan Wenzel, Christopher Williams und vielen anderen. Nicht als Enzyklopädie, sondern vielmehr in der Art eines umfassenden, aber dennoch pointierten Essays zum Thema, arbeitet die Ausstellung dabei in einer Sequenz von fünf Kapiteln den einzigartigen Blick der Künstler auf die Fotografie und ihre Geschichte heraus:
Ein erster Abschnitt über das Material der Fotografie zeigt Arbeiten vornehmlich aus den siebziger Jahren, die sich den unterschiedlichen Parametern des Mediums widmen: dem fotografischen Augenblick, der Frage nach Bild-Raum und Bild-Zeit, das Verhältnis von Bild und Text, dem Zusammenspiel von Optik und Mechanik und dem poetischen Potenzial technischer Bilder.

Im Kapitel Individuen, Rituale, Sonntagsbilder gilt das besondere Interesse der Künstler den bildnerischen Konventionen der anonymen kommerziellen Gebrauchsfotografie, der populären fotografischen Folklore, der Trivialfotografie und den Ritualen der Fotoamateure. Dabei wird deutlich, wie sich diese mit der Digitalisierung der Bilder verändern und wie im Internet neue Bildtypen und neue Formen der Amateurfotografie entstehen.

Das Kapitel Vorbilder, Nachbilder, Ikonen stellt künstlerische Positionen vor, die von der einfachen Reproduktion über die Paraphrase bis hin zum Reenactment, der Nachstellung oder Nachinszenierung, die klassischen Ikonen der Fotografie und ihre berühmten Bildformeln reflektieren: sowohl respektvolle Hommagen als auch ironische Dekonstruktionen ikonisch gewordener Vor-Bilder der Fotogeschichte. Die im Kapitel Evidenz der Dokumente und die Obsession des Sammelns ausgewählten Arbeiten beschäftigen sich mit der Möglichkeit des Mediums die sichtbare Welt aufzuzeichnen und klassifizierend zu erfassen. Sie hinterfragen die vermeintliche Objektivität der Fotografie, indem sie sich die Methodik der Wissenschaft – das Sammeln, das Vergleichen, das Kategorisieren – aneignen und die Ordnungen der Dinge fotografisch auf vielfältige Weise umdeuten.

Schließlich widmet sich eine eigene „Ausstellung in der Ausstellung“, Manifeste, dem fotografischen Diskurs: den zentralen Manifesten, Programmschriften, Pamphleten und Essays von Fotografinnen und
Fotografen über das Medium. Die radikalsten Äußerungen über die Fotografie stammen von den Bildautoren selbst. Manifeste zur Fotografie finden sich von den ersten Anfängen bis zu den Blogs unserer Tage; diese programmatischen und oft polemischen Äußerungen (u.a. von László Moholy-Nagy, August Sander, Henri Cartier-Bresson, Germaine Krull, Thomas Hirschhorn oder Martha Rosler) erzählen nochmals eine andere und überraschende Geschichte der Fotografie.

In einem letzten Saal, sind die Besucherinnen und Besucher von dem Fotografen Erik Kessels und dem Museum Folkwang eingeladen, eigene Fotografien an das Museum Folkwang zu schicken und damit selbst zum Teil der Ausstellung zu werden. WALL OF YOU präsentiert Fotos von bekannten Fotografen und Künstlern gemeinsam mit denen des Publikums.

Zur Ausstellung (Mis)Understanding Photography – Werke und Manifeste erscheint ein begleitender Reader mit weiteren erläuternden Kommentaren und Statements zu den ausgestellten Arbeiten. Im Steidl Verlag, erscheint im Sommer die Publikation Manifeste! Eine andere Geschichte der Fotografie, hg. vom Museum Folkwang und dem Fotomuseum Winterthur, 256 Seiten, 21×28,5 cm, ISBN 978-3-86930-765-7.

Die Ausstellung wird gefördert von der Kulturstiftung des Bundes und der Kunststiftung NRW. Der Ausstellungsteil Manifeste entsteht in Zusammenarbeit mit dem Fotomuseum Winterthur.

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