Freitag, 6. Februar 2015

13.02. bis 06.09.2015: Ausstellung "Tattoo" im Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg

Unbekannt, Ma Hla Oo aus Laytu-Chin, Nördliches Rakhine, Burma, Foto: Jens Uwe Parkitny

















Im Winter verborgen, im Sommer öffentlich zur Schau getragen: Tattoos sind heute allgegenwärtig. Als kulturhistorische Konstante sind sie aber weit mehr als ein Massenphänomen und kultiges Modeaccessoire. Tattoos erzählen persönliche Geschichten, schaffen Identität und Zugehörigkeit, sollen schmücken, heilen und schützen, sie faszinieren oder stoßen ab, werden mystifiziert oder sind Teil von Trends. Die Ausstellung Tattoo lotet erstmals das breite Spektrum dieser alten und noch immer sehr lebendigen Kulturtechnik im Fokus von Kunst und Design aus, stellt internationale Positionen vor und greift aktuelle Diskussionen auf. Sie beleuchtet die Ambivalenz des Tattoos zwischen Auszeichnung, sozialer Zuordnung, Identitätsmerkmal und Stigmatisierung in verschiedenen Kulturen, sozialen Schichten und Epochen. Ein Schwerpunkt liegt auf der wechselseitigen Beeinflussung von Kunst, traditioneller Tätowierpraxis und visueller Gestaltung. Tattoo zeigt über 250 Arbeiten aus dem späten 19. Jahrhundert bis zur Gegenwart: Darunter Fotografien, Farbholzschnitte, Gemälde und Skulpturen, Videoarbeiten und Audioinstallationen sowie Vorlageschablonen und historische Hautpräparate. Tätowiergeräte von einfachen Naturwerkzeugen bis zu filigranen Präzisionsmaschinen, Farben und Pigmente vermitteln ein Bild von der handwerklichen Praxis. Mit der Schau blickt das MKG auch zurück auf die traditionsreiche Geschichte der Hamburger Tattoo-Szene, deren Wiege im Hafenmilieu des späten 19. Jahrhunderts zu finden ist. Bisher unveröffentlichte historische Fotografien dokumentieren die typischen Tätowierungen der Hamburger Arbeiterschaft um 1890. Tattoo-Legenden wie Christian Warlich („der König der Tätowierer“) und Herbert Hoffmann stehen für eine vielfältige und ausdrucksstarke Kunstform, die immer neue gestalterische Experimente hervorbringt. Einen Einblick geben Arbeiten lokaler Tattoo-Künstler, die sich von der Sammlung des Museums inspirieren ließen. Eine Videoprojektion zeigt zahlreiche Arbeiten renommierter Tätowier und Tätowiererinnen aus der aktuellen internationalen Szene, die sich durch eine Vielfalt an Stilrichtungen und neuen künstlerischen Bewegungen auszeichnet.

Die traditionelle Kulturtechnik

Weltweit nutzen viele Kulturen die menschliche Haut als Bildträger. Die Tradition der Tätowierung gehört zu den frühen Kunstformen und ältesten Handwerkspraktiken und prägt heute noch das Alltagsbild. Die Ausstellung stellt ausgewählte Beispiele vor. Die Gesichtstätowierungen der Chin-Frauen in Birma etwa sind Teil eines Rituals, das den Übergang von der Kindheit zur Welt der Erwachsenen markiert. Mit Hilfe von Dornen oder Nadeln werden Muster in die Haut eingebracht, die sich von Familienclan zu Familienclan unterscheiden. Auch die neuseeländischen Tā Moko, die Gesichtstätowierungen der Maori, geben Auskunft über die Familienzugehörigkeit und soziale Stellung der Person. Jede Gesichtspartie ist bestimmten Informationen vorbehalten, so zeugt eine Tätowierung der Stirnmitte etwa von einem hohen Status. In Thailand sind sakrale Tätowierungen – Sak Yant genannt – weit verbreitet. Sie sollen ihre Träger vor Unglück bewahren und sie unterstützen, ein moralisch korrektes Leben zu führen. Tattoos haben auch in Japan eine lange Tradition, die erste Erwähnung stammt aus dem 3. Jahrhundert. Die Gestaltung folgt dabei einer besonderen Harmonie und Eleganz und zeichnet sich durch klar gegliederte Farbbereiche aus. Die Tattoos erstrecken sich oftmals über große Körperflächen und fügen sich zu einem zusammenhängenden Bild. Die Motive stellen häufig Themen traditioneller Holzschnitte oder mythologische Wesen dar, die besondere Eigenschaften des Trägers hervorheben sollen. Der Drache steht beispielsweise oft für Männlichkeit, Macht oder den Himmel. Da Tätowierungen von 1870 bis 1948 in Japan verboten waren, werden sie lange Zeit mit dem kriminellen Milieu der Yakuza, einer japanischem Mafia-Organisation, in Verbindung gebracht.

Verbreitung der Tätowierung in der westlichen Welt

Im 18. und 19. Jahrhundert prägen illustrierte Reiseberichte den Blick auf die fremden Kulturen in Übersee und wecken die Neugier für die damals exotischen Tätowierpraktiken. Das Wort Tattow aus dem polynesischen Sprachgebrauch findet Erwähnung in James Cooks Forschungsberichten über seine Expeditionen in die Südsee im 18. Jahrhundert. Durch die sehr beliebten frühen ethnografischen Zeichnungen und Stiche sowie später folgende Fotografien erfolgt eine Popularisierung der modernen Tätowierung in der westlichen Welt. Die Kunst des Tätowierens steht anfangs oftmals für das erotisierte Fremde und eine magisch-mythische, von Kulten und Riten begleitete Welt. Tattoos erleben in Europa und Amerika in der Zeit bis zum Ersten Weltkrieg eine Blütezeit. So sind selbst die Angehörigen der amerikanischen Oberschicht und nahezu aller europäischen Fürstenhäuser – einschließlich des Deutschen Kaiserhauses – tätowiert. In dieser Zeit gilt diese Form des Körperschmucks als Ausdruck von gutem Geschmack. Im 19. Jahrhundert bildet sich aber vor allem im Bürgertum eine ambivalente Haltung gegenüber der Tätowierung heraus. Faszination und Ablehnung liegen in der westlichen Tattoo-Geschichte folglich eng beieinander und begründen den Doppelcharakter der Tätowierung als Stigma und Auszeichnung.

Codes und Umdeutungen

Durch die Verbreitung des Tätowierens in verschiedenen gesellschaftlichen Schichten und Gruppierungen vervielfältigen sich im letzten Jahrhundert die Funktionen und Bedeutungen des Tattoos. Vor allem die Doppeldeutigkeit von Stigma und Auszeichnung zeigt sich symptomatisch im milieuspezifischen Umgang mit Tätowierungen. Während Seeleute und Soldaten mit exotischen Bildmotiven ihre Reisetätigkeit dokumentieren, entwickeln sich Tätowierungen im kriminellen Milieu regelrecht zu Erkennungszeichen. Im Kontext der aufkommenden Fahndungsfotografie erlangen sie bereits Anfang des 20. Jahrhunderts als erkennungsdienstliches Identifikationsmerkmal besondere Bedeutung. In russischen Gefangenenlagern werden im späten 19. Jahrhundert Tätowierungen und Brandmarkungen systematisch von staatlicher Seite eingesetzt, um Straftäter zu kennzeichnen. In der Folge unterlaufen russische Berufsverbrecher diese Form der Stigmatisierung jedoch mit ihren informellen Tätowierungen. Sie wandeln traditionelle Motive ab und entwickeln daraus einen geheimen Zeichencodex, der Gruppenzugehörigkeit, Verurteilungen oder den Rang in der kriminellen Hierarchie sichtbar macht. Auch für die stark tätowierten Mitglieder der lateinamerikanischen Gangs der Mara Salvatrucha und M-18 besitzen die auf der Haut zur Schau gestellten Schriftzüge und Symbole eine wichtige Erkennungs- und Gemeinschaftsfunktion. Der französische Fotograf und Filmemacher Christian Poveda hat sie dokumentiert. Die Arbeit des Österreichers Klaus Pichler spürt der gegenwärtigen Bedeutung von Gefängnistätowierungen nach und gewährt einen fotografischen Einblick in Formen der Haftbewältigung innerhalb des Strafvollzugssystems.

Frauen und Tattoos

Ein weiterer Aspekt der Ausstellung widmet sich mit zahlreichen Objekten dem Verhältnis von Frauen und Tattoos. Historische Fotografien zeigen schlaglichtartig die wechselhafte Geschichte von der Ausstellung stark tätowierter weiblicher Körper als Jahrmarktattraktion in den 1920er Jahren bis zu den Glamourgirls in den Varietés der 1960er Jahre. Die Ausstellung stellt ausgewählte Pionierinnen vor, die sich selbstbestimmt in dem von Männern dominierten Bereich behaupteten. Frauen sind mittlerweile nicht mehr aus der Tattoo-Kultur wegzudenken und spielen als Künstlerinnen eine wichtige Rolle in der zeitgenössischen Szene.

Tattoos in der zeitgenössischen Kunst

Das komplexe Bedeutungsspektrum spielt auch in der zeitgenössischen Kunst eine große Rolle. So beschäftigt sich etwa die Japanerin Fumie Sasabuchi in ihren skulpturalen und fotografischen Arbeiten mit dem Wechselspiel zwischen traditionellen Tattoo-Motiven der japanischen Yakuza und der Ästhetik westlicher Massenkultur. Auch Enrique Martys Skulpturen aus der Serie Art is Dangerous greifen auf die Yakuza-Ikonografie zurück, um in Verbindung mit der grotesken Anmutung der Figuren ironische Fragen nach der Rolle der Kunst und der Bedeutung von Tätowierungen aufzuwerfen. Der spanische Konzeptkünstler Santiago Sierra thematisiert in seiner filmischen Arbeit die Tätowierung aus gesellschafts- und kapitalismuskritischer Sicht. Er bezahlte Angehörige sozialer Randgruppen dafür, sich in einer Performance eine durchgehende Linie auf den Rücken tätowieren zu lassen. Mit der bewusst unsauber gesetzten Linienführung verweist er auf deren prekäre Stellung und die damit verbundene gesellschaftliche Stigmatisierung. Der polnische Künstler Artur Żmijewski setzt sich schonungslos und provokativ mit der Tätowierpraxis auseinander, die in den nationalsozialistischen Konzentrationslagern betrieben wurde. Sein Video 80064, das in der Rezeption kontrovers diskutiert wird, zeigt den 92-jährigen Ausschwitz-Überlebenden Josef Tarnawa, den der Künstler zum Nachstechen seiner verblassenden Lagernummer überredet hat. Einerseits wird Tarnawa dadurch ein zweites Mal stigmatisiert, andererseits erhält die Nummer auf seinem linken Unterarm die Funktion eines schockierenden Mahnmals. Das aktive Erinnern, so Żmijewski, bewege sich heute oftmals in viel zu geordneten Bahnen. Das Brandmal und die unfreiwillige Tätowierung seien heute in der westlichen Tattoo-Geschichte in den Hintergrund gerückt, die Praktiken während des Zweiten Weltkrieges blieben aus Sicht des Künstlers jedoch in tiefer Erinnerung.

Die Spannung zwischen dem Tattoo als Kunstwerk und seiner Existenz auf der „lebendigen Leinwand“ thematisiert etwa der belgische Konzeptkünstler Wim Delvoye. In der Ausstellung ist das tätowierte Hausschwein Donata zu sehen, das der Künstler 2005 auf seiner chinesischen „Art Farm“ unter Narkose und mit Hilfe mehrerer professioneller Tätowierer verzieren lässt. Delvoye stellte es als lebendiges Kunstwerk und, nach dessen Tod, in präpariertem Zustand aus. Die zweite in der Ausstellung gezeigte Arbeit von Delvoye nimmt diesen Gedanken auf und artikuliert kritische Fragen nach Wertvorstellungen im Kunstmarkt, Macht und Verfügungsrecht über den menschlichen Körper als Kunstobjekt: Der Schweizer Tim Steiner lässt sich zwischen 2006 und 2008 ein Werk des Belgiers auf den Rücken tätowieren. 2008 wurde es von einem Hamburger Kunstsammler angekauft, der so das Recht erwarb, das Werk Tim als Leihgabe weiterreichen, veräußern, vererben und die Haut nach dem Tod konservieren zu dürfen. Seither wird diese Arbeit international kontrovers diskutiert. In der Hamburger Ausstellung ist er am 11. und 12. April sowie am 27. und 28. Juni 2015 zu sehen.

Der Stich unter die Haut fordert dieselbe ästhetische Vorstellungskraft und Sorgfalt, dasselbe handwerkliche Geschick und Wissen über Materialien und Farbgebrauch wie andere gestalterischen Verfahren. Die zeitgenössische Tätowier-Szene entwickelt die Sprache der klassischen Tattoos weiter und erneuert das Medium. Ein Projektion zeigt in der Ausstellung herausragende internationale Arbeiten unterschiedlichster Stilrichtungen.

Tattoo ist eine Produktion des Gewerbemuseum Winterthur, Schweiz, kuratiert von Susanna Kumschick, und wird erstmals in Deutschland gezeigt.

Für die Ausstellung im MKG entsteht ein vielfältiges Rahmenprogramm in Zusammenarbeit mit Hamburger Tätowierer/innen und Grafikdesigner/innen. Es erscheint ein kostenloses 36-seitiges Booklet in Deutsch und Englisch.

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